Lärmende Typografie? Die Tagespresse ist voll davon. Schauen Sie einmal in die Anzeigenseiten. Da haben wir sie – die wilde Orgie*. Aus der Masse an Schrift und Farbe hebt sich oft nur der sachlich gehaltene redaktionelle Teil wohltuend ab. Das Problem ist bei der kleinen Anzeige dasselbe wie beim A1-Plakat: Es muss ausgefüllt werden, was der Platz hergibt. Wenn der Text zu viel wird, stauchen die netten Damen aus der Satzabteilung auch gern mal die Schrift auf 70% zusammen. Oder nutzen was an Platz noch „übrig“ bleibt, um die Schrift auf 120% auszubreiten. Was vom Papier dann noch durchschimmert, wird mit Farbe und Illustration dichtgemacht. Um aufzufallen, stellt mancher seine Informationen sogar auf den Kopf. Ein Schelm versuchte gar mit solcherart gestaltetem Plakat dem vorbeifahrenden Autofahrer den Kopf zu verdrehen. Wie viele Menschen werden im Verkehr steckend mit schief gehaltenem Kopf das vorbeihuschende bunte Papier lesen?

Aber nimmt man sich die Zeit und liest wirklich einmal aufmerksam, findet man oft unüberlegt gewählte oder aufgeblähte Aussagen. So soll es wohl Weltläufigkeit vermitteln, mit Anglizismen zu texten: „Testen Sie uns, um unser großes Leistungsangebot outzusourcen!“ Das sagt nichts – mit oder ohne Denglisch.
Gibt es bei Ihnen in der Stadt auch ein „Tina's Lädchen“? Wie wird die Tina wohl heißen, dass sie ein Apostroph braucht? Die Liste der schiefgegangenen Werbung ist lang...

Arbeiten wir daran, dass die Buchstaben (und der nicht unwesentliche Rest der Gestaltung) sich gesittet aufführen und dennoch oder gerade dadurch eine klare Botschaft vermitteln.

* Siehe Zitat von Jan Tschichold auf der Startseite